» Erlanger Theologische Fakultät wird Fachbereich einer Großfakultät

Prof. Dr. Ute Verstegen

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Erlanger Theologische Fakultät wird Fachbereich einer Großfakultät 

 

Unter dem Titel "Die Universität stellt sich neu auf" vermeldet die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die bislang größte Reform in ihrer Universitätsgeschichte. Am 7. Februar 2007 hat der Erweiterte Senat mit knapper Mehrheit wesentliche Änderungen in der Grundordnung der Universität beschlossen, die insbesondere eine Reduzierung der bisherigen 11 auf nun 5 Großfakultäten mit sich bringt. Während die Medizinische und die Technische Fakultät, die von der Universitätsleitung gerne als Flagschiffe herausgestellt werden, unverändert erhalten bleiben, werden die drei Naturwissenschaftlichen Fakultäten zusammengelegt, ebenso die Juristische und die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät. Schließlich sollen die Philosophischen Fakultäten I und II, die Erziehungswissenschaftliche Fakultät und die Theologische Fakultät in eine neue Großfakultät für Kultur- und Geisteswissenschaften mit über 9000 Studierenden eingehen. Die Juristische und die Theologische Fakultät, die zu den Gründungsfakultäten der FAU gehören, verlieren nun gegen lang andauernde Proteste ihren Fakultätsstatus. Die Theologie wird Fachbereich oder auch - neudeutsch - Department.

Schon 1529 hatte man auf Anregung Martin Luthers im reformatorischen Brandenburg-Ansbach/Bayreuth die Gründung einer Landesuniversität erwogen, ein Vorhaben, das zunächst aus finanziellen Gründen nicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Die dann 1743 vom brandenburgisch-bayreuthischen Markgrafen Friedrich in Erlangen eröffnete Universität war die letzte dezidiert protestantische Universitätsgründung im Alten Reich. Neben Altdorf und Würzburg war sie im fränkischen Raum nun die dritte Universität. Als 1769 nach dem Erlöschen der Bayreuther Linie das Markgrafentum Brandenburg-Bayreuth mit dem Markgrafentum Brandenburg-Ansbach vereinigt wurde, erhielt die Hochschule zu Ehren des nun herrschenden Markgrafen Alexander den Namen Friedrich-Alexander-Universität.

Zu den Gründungsfakultäten der Erlanger Universität gehörten die traditionellen Fakultäten Theologie, Jura und Medizin, denen eine damals 'moderne' Philosophische Fakultät gleichberechtigt zur Seite gestellt wurde. Innovativ war auch die Zulassung aller drei im Reich anerkannten Konfessionen (katholish, protestantisch, reformiert). Die Theologische Fakultät spielte von Anfang an eine hervorragende Rolle und war nach 1810 für lange Zeit die einzige protestantische Theologische Fakultät im Königreich Bayern. Die mehrfach erwogene Zusammenlegung der Erlanger Universität mit der Universität Landshut wurde aufgrund des protestantischen Charakters der Erlanger Hochschule verworfen. Die Theologische Fakultät stellte bis an das Ende des 19. Jahrhunderts oftmals die Mehrheit der Studierenden und hatte mit der sog. "Erlanger Schule" lange Zeit einen führenden Platz in der deutschsprachigen protestantischen Theologie inne.

Lehrveranstaltungen über "christliche Kunstarchäologie" wurden in Erlangen erstmals durch den Kirchenhistoriker Albert Hauck (1845-1918) angeboten. Nach Haucks Weggang nach Leipzig im Jahre 1889 vertrat jeder seiner Nachfolger auf der Professur für Kirchengeschichte auch das Fach "Kirchliche Kunstarchäologie". Diese Verzahnung wurde erst 1948 gelöst, als zunächst ein Lehrauftrag und 1955 das erste und bis heute einzige an einer evangelisch-theologischen Fakultät verankerte Ordinariat für Christliche Archäologie und kirchliche Kunst eingerichtet und mit dem Kunsthistoriker Fritz Fichtner (1890-1969) besetzt wurde. Diesem folgte 1961 Ernst Adalbert Voretzsch (geb. 1908), der eine kunsthistorisch-theologische Doppelausbildung besaß (1945 Dr. phil. mit den Fächern Christliche und Klassische Archäologie, Kunstgeschichte und Alte Geschichte, 1952 Dr. theol.). Dies galt auch für seinen Nachfolger Peter Poscharsky (geb. 1932), der Theologie, Klassische und Christliche Archäologie sowie Kunstgeschichte studiert hatte und den Lehrstuhl 27 Jahre lang von 1973 bis 2000 leitete und wesentlich prägte. Poscharsky verstand das Fach als eigenständige theologische Disziplin, die "auf dem Schnittpunkt von Klassischer Archäologie, Kunstgeschichte, Geschichte des Gottesdienstes, Kulturgeschichte, Praktischer Theologie (und) Soziologie mit den Mitteln der historisch-kritischen Wissenschaft arbeitet und die gestaltgewordenen Formen und Äußerungen der Theologie auf ihre Herkunft und ihren Gehalt hin untersucht". Während sich das Fach fast überall in Deutschland auf die Kunst des frühen Christentums bzw. der Spätantike zurückzog und aus dem theologischen Fächerverband herausgelöst und in die Philosophischen Fakultäten integriert wurde, verblieb die Christliche Archäologie in Erlangen in ihrer angestammten Fakultät und widmete sich weiterhin der christlichen Kunst von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Sie wurde aber auch für Nicht-Theologen geöffnet, indem sie in den Fächerkanon der Philosophischen Fakultät I aufgenommen wurde und seither in diesem Rahmen als eigenes Fach - meist in Kombination mit Kunstgeschichte oder Klassischer Archäologie - studiert werden kann. Mit der Berufung der Kunsthistorikerin Carola Jäggi (geb. 1963) auf den Lehrstuhl im Jahre 2002 hat sich diese Tendenz fortgesetzt. Der Lehrstuhl versteht sich heute als Teil eines kulturgeschichtlichen Fächerangebots und beschäftigt sich mit Phänomenen wie Kult, Frömmigkeit, Sakralität, Heiligenverehrung, Bildgebrauch, Totenfürsorge und Jenseitsvorsorge, die allgemeine historische Leitthemen sind.

Aus Perspektive der Christlichen Archäologie und Kunstgeschichte scheint die Eingliederung in eine Philosophisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät in Erlangen somit nur einen weiteren konsequenten Schritt auf einem längst begonnenen Weg zu bedeuten, zumal die Seminare bereits jetzt zu einem größeren Teil von Studierenden der Philosophischen als von der Theologischen Fakultät besucht werden. Aus theologischer Perspektive ist mit der Aufgabe des Fakultätsstatus jedoch ein wesentlicher Verlust verbunden. So schreibt der Erlanger Lehrstuhlinhaber für Neuere Kirchengeschichte Berndt Hamm in einem Appell an den Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: "Es geht darum, ob ein Bewusstsein davon vorhanden ist und erhalten bleibt, dass Theologie nicht einfach eine Kulturwissenschaft neben vielen anderen ist, sondern diejenige Wissenschaft, die als einzige an der Universität den Transzendenzbezug des Menschen zum Thema macht: einen Glauben, der sich intellektuell verantwortet und ein rationales Forschen, das die Dimension des Glaubens in seiner Vielfalt und Normativität reflektiert."

Literatur: