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Prof. Dr. Ute Verstegen

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Fundstück 2008-11: Joachim von Sandrart über den Konstantinsbogen in Rom 

Fundstück im November 2008: Joachim von Sandrart über den Konstantinsbogen in Rom 

Der aus einer niederländischen Adelsfamilie stammende und in Nürnberg, Prag und Utrecht zum Kupferstecher und Maler ausgebildete Joachim von Sandrart (1608-1688) lernte Rom zwischen 1629 und 1635 kennen. Er war dort mehrere Jahre lang künstlerisch tätig und schuf u.a. Porträts und biblische Szenen für die Innenausstattung von Kirchen. Daneben beschäftigte er sich mit den antiken Monumenten Roms, war Kurator der Gemäldesammlung im Palazzo Giustiniani und organisierte die »Galleria Giustiniani«, ein umfangreiches Konvolut von Kupferstichen nach Antiken, zu dem er selbst gemeinsam mit Theodor Matham und Cornelis Bloemaert die Vorlagen lieferte.

1635 kehrte Sandrart in seine Geburtsstadt Frankfurt am Main zurück, lebte später in Amsterdam, Nürnberg und Augsburg und machte als Kunstkenner, Kaufmann, Maler und Verleger auf sich aufmerksam. Besondere Bedeutung besitzt seine kunstschriftstellerische und kunsttheoretische Tätigkeit. Etwa ab den 1660er Jahren war Sandrart als Kunsthistoriker und Lehrer aktiv und wohl maßgeblich am Aufbau der Kunstakademien in Nürnberg (1662) und Augsburg (1670) beteiligt. Sein als Alterswerk in zwei Bänden zwischen 1675 und 1679 erschienenes Hauptwerk, die Teutsche Academie der edlen Bau-, Bild und Malereikünste, gilt als das wichtigste kunsttheoretische Werk in deutscher Sprache in der Zeit zwischen Albrecht Dürer und Johann Joachim Winckelmann. Sandrarts Opus besteht aus zahlreichen Textzitaten der älteren Kunstliteratur (z.B. von Vasari, Palladio und Serlio), die er um Kommentare, eigene Erfahrungen und neuere Erkenntnisse erweiterte und mit Kupferstichen illustrierte. Die Textvorlage ließ der Autor von einem Freund, dem Nürnberger Dichter Sigmund von Birken (1626-1681), redigieren und um zahlreiche Gedichte ergänzen.

Angeregt durch Giorgio Vasaris Künstlerviten widmete Sandrart den ersten Band der Teutschen Academie den Lebensbeschreibungen der »Kunst-Helden und Kunstliebenden« - d.h. den Künstlern und Kunstsammlern - seiner Zeit, denen er eine Theorie über die drei Künste voranstellte. Der zweite, 1679 herausgegebene Teil enthält Überlegungen über die Kunstgattungen und umfangreiche antiquarische Ausführungen, bei denen Sandrart von seinem Aufenthalt in Rom profitierte. 1680 schließlich publizierte Sandrart als Ergänzung des Werks eine mit neuen Illustrationen versehene Übersetzung von Vincenzo Cartaris mythographischem Handbuch Imagini de i Dei de gli antichi.

1681 initiierte Sandrart übrigens die Renovierung von Albrecht Dürers Grab auf dem Nürnberger Johannisfriedhof, wo auch er selbst im Jahre 1688 schließlich seine letzte Ruhestatt fand.

Textstellen zum Konstantinsbogen

In den Bänden der Teutschen Academie beschäftigt sich Sandrart an verschiedenen Stellen auch mit spätantiken und frühchristlichen Monumenten. Dazu zählen Kirchenbauten wie die Lateransbasilika oder Alt St. Peter und deren Ausstattung, Bauten am Forum wie die Romulusrotunde und die Maxentiusbasilika - von Sandrart 'Templum Pacis' genannt -, oder auch das Mausoleum der Constantina, damals als Tempel des Bacchus bekannt. Die drei letztgenannten Monumente gibt Sandrart sogar in  Abbildungen wieder. Besonderes Augenmerk widmet er an mehreren Stellen des ersten und zweiten Bandes dem Konstantinsbogen, an dem er einen künstlerischen Qualitätsverfall in der Spätantike festmacht und dessen Ursachen diskutiert – ein Verdikt, das der spätantiken Kunst bis zu Alois Riegls Perspektivenwechsel anhaften sollte. In diesem Zusammenhang geht Sandrart auch auf das Spolienwesen der Spätantike ein und identifiziert zahlreiche Reliefs des Konstantinsbogens als trajanisch, eine Datierung, die heute nicht mehr in allen Teilen zu halten ist, aber dennoch auf mehrere Elemente zutrifft.

Im ersten Band von 1675 ist folgendes zu lesen:

"Man sehe nur an/ und betrachte/mit vernünftigen Nachsinnen/ den Triumf-Bogen/ welchen das Römische Volk / bey dem Colossaeo, dem Kayser Constantino zu Ehren / aufgerichtet/ er allein ist ein vollgültiger Zeug/ daß damals die Bilderey-Künsten ganz gefallen gewesen. Die Meistere desselben haben zwar ihre Unwissenheit mit der vor ihnen lebenden Künstlere Wissenschaft zudecken wollen / indem sie allerhand sehr gute / und irgend um die Zeiten des Kaysers Trajani, mit großer Vernunft gearbeitete Stücke und Trümmer / von alten Statuen/ zusammen geklaubet / und

an gedachten Triumf-Bogen hin und wieder geflicket / sich aber selbst damit nur zu schanden gemacht / indem ihre darneben stehende Arbeit / von selbsten ihren Unverstand allen Verständigen zeiget / und den Abgang einer vernünftigen Zeichnung verrähtet. Eben wie man die Dunkelheit der Nacht / nicht bäßer als am Tag / und die Finsternis durch das Liecht erkennen kan.

Wordurch aber und warum diese zierliche Künste in einen solchen Abgang gerahten / ist in der Vorrede dieses Theils/ ersten Buchs/ in etwas entdecket worden / welches ich hie ein wenig umständlicher zu zeigen vorgenommen habe. Ich setze hie bey Seit/ den Stoß/ welchen dieselbe durch den Einfall der Barbarischen Völker in Italien erlitten / und sage / daß die Veränderung des Kayserlichen Sitzes/ von Rom nach Bysantz / oder Constantinopel, unsere Künste tief ernidriget / indem Kays. Constantinus alle künstliche Bilder/ Gemälde und Statuen / ja so gar die gute Künstlere selbst / mit sich nach Constantinopel geführet/ und also das ehmals kunstreiche Italen/ dieses Ruhms und Glüks gänzlich beraubet / es achtete doch/ so wol die Mahl- als alle Bilderey / dieses Unglück nicht so hoch/ weil sie an andern Orten ihr Glück steigen/ und merklich zunehmen sahen / dem bekümmerten Italien die Hofnung hinterlassend / daß dasselbe / wie vormals/ also auch wiederum / bey herumwalzung des stets lauffenden Glüks-Rads/in diesem Stuck könne befeliget werden / ganz unerträglich aber und allzuschmerzhaft ware der jenige Schlag/ welchen hochbenennter Kayser Constantinus gethan/ da er um das Jahr Christi 318. die heidnische Götzen-Bilder verfluchte / und durch die heilige Tauf sich zum Christlichen Glauben bekehrte: Dann als dieser nunmehr Christlicher Kayser sahe / daß die Bilder der Götter angebetet / und mit Göttlicher Ehre bedienet wurden / verdamte er dieselben alle / liese sie zerreissen / verbrennen / zuschlagen / und was man finden mochte/ vertilgen / und stürzte darmit die Bilderey-Künste in das endliche Verderben."

(TA 1675, II, Buch 2 (italienische Künstler), S. 53f. )

Der zweite Band von 1679 liefert eine ausführliche Bauaufnahme des Bogens mit Maßangaben und einer Abbildung:

"Das XXI. Capittel.
Käyser Constantini des Grossen Triumphbogen

BEy dem Amphitheatro Titi Vespasiani, der insgemein der Coliseo genannt/ steht die schöne Arca Triumphalis, oder Siegbogen in weissem Marmelstein sehr Reich/ mit vielen vortrefflichen Statuen Basso relieue, oder runden erhobenen Historien gezieret/ und wurde zu Ehren des Käysers Constantini erhaben/ von vielen genannt L’Arco di Tratio. Dieser schöne Siegbogen ist zwar am Fundament der Zeit noch ziemlichen mit Erde und Stein-Schütt bedecket/ auch etlicher massen beschädigt/ des unangesehen hat er noch eine schöne Höhe/ und dessen transitus übertrifft die Höhe um zwey qvart/ besonderlichen nach der Seiten/ es ist/ wie gesagt/ dieser Bogen/ den Augen nach/ zwar ziemlich schon wolbereicht mit Bildern und Zieraden/ iedoch seyn die Cornicien Zier nicht nach dem besten Gebrauch/ gleichwie sonst reich von Arbeit/ diese Maas habe ich gleichmässig nach dem alten Romanischen Schuh/ wie hier unten gemerckt/ und im Grund-riß zusehen/ eingerichtet/ und ist des grossen Bogens Breite von 22. Schuh 24. Minut. die von dem kleinen Bogen aber 11. Schuh 11½. Min. Die Dicke der Pilaster 9. Schuh 4. Minuten. Die Dicke zur Seiten von 22½. Schuh/ aus welchem erhellet/ daß das Innerliche just ins Viereckte des Bogens genommen. Die Dicke der Piedistalli drey Schuh 29. Minut. der Seulen/ oder Colonnen Dicke 2. Schuh 26. Minut. Welche Seulen alle von oben bis unten auch gantz rund/ samt denen Gegen-Seulen gehölet seyn/ womit nun die Breite

und Dicke dieses Bogens/ der Notdurfft nach/ vernommen/ daher wir nun von dessen Höhe melden. Erstlich ist die Base des Piedistallo mit dem Zoccolo hoch 1. Schuh 30. Min. des Piedistal Leere 6. oder Saubers 7. Schuh. 5. Min. derselben Cornice Höhe ist 42. Min. Die Höhe des Zoccolo unter der Base der Colonna 32. Minut. der Basa Höhe ist 6. Min. die Colonne ohne Base und Capitel ist 26. Schuh 25. Min.hoch. Die Höhe vom Capitel 2. Schuh. 35. Min. und ist der Composito Ordine die Höhe des Architrave 1. Schuh. 11. Min. Der Fregio ist viel weniger bezieret. Der Cornice ist ein Schuh 21. Min. die Zoccoli unter den andern Ordinen oben/ ist 3. Schuh. 9. Min. Von gedachtem Zoccolo bis zu Oberst der Höhe Cornice ist 12. Schuh/ dieses Cornice Höhe ist 33. Min. die Piedistal aus gedachtem Cornice wurden nicht abgemessen/ auf welchen Statuen stehen/ wie auch auf der Cornice mit B. gezeichnet/ waren Statuen gegen den Pilastern angelehnt/ die gehangene Sclaven bedeuten die/ über welche getriumphirt war/ folgende Schrifften verhalten sich auf diesen Bogen/ eingehauen/ wie/ der Platz zeiget:

IMP. CAES. FL. CONSTANTINO MAX. P. F. AUGUSTO. S. P. Q. R. QVOD INSTINCTU DIVINITAS MENTIS MAGNITUDINE CUM EXERCITU SUO TAM DE TYRANNO, QVAM DE OMNI EJUS FACTIONE UNO TEMPORE JUSTIS REMPUBLICAM ULTUS EST ARMIS ARCUM

TRIUMPHIS INSIGNEM DICAVIT.

Der alte Römische Schuh/genannt Palmo Romano anticho, wormit diese alte Römische Gebäue abgemessen worden / ist in zwölff Zolle abgetheilet / und iedweder Zoll in 4. Minuten."

(TA 1679, I (Architektur), S. 22f.)

Außerdem diskutiert Sandrart in einem weiteren Kapitel die Bedeutung der Vota-Inschrift und identifiziert die Spolienreliefs:

"Das XVI. Capittel.

Constantini Triumph-bogen. Die zehn- und zwantzig- jährige gute Wünsche/ für die Keyserliche Regirung. Reichsbestettigung / alle zehen Jahre. Ungleiche Kunst am Triumph-bogen. Trajani Bildnus / an solchem Triumphbogen. Grosser Mangel der Bildhauereyen zu Rom. Der zerstückte Triumph- bogen Trajani.

ZWischen denen beeden Stadtbergen / Palatino und Coelio, wo man von der Appischen Strassen/ auf den heiligen Weg zugeht/ stehet des Keysers Constantini Triump-bogen Triumph-bogen /welcher ihme zu Ehren/nachdem der aufrührische Maxentius durch Krieg bezwungen und erlegt war / ausgerichtet worden. Mitten unter demjenigen Bogen / ist annoch von beeden Seiten das Bildnus Constantini, unter denen Standarten und häuffigem Kriegsvolck / deutlich zu sehen: Wie er allda bald zu Roß sitzt / und auf die hereinbrechende Feinde los gehet; bald stehet/ und denen überwundenen Völckern gebietet: Uber dem Haubt hält die Göttinn Victoria einen Lorbeerkrantz/und findet sich dabey diese Uberschrifft:

LIBERATORI. URBIS. FUNDA-
TORI. QVIETIS.

Die übrigen Worte aber / welche von aussen her zu beeden Seiten stehen:

VOTIS. X. VOTIS. XX.

bedeuten anderst nichts / als die für des Keysers und des gantzen Reichs von allem Volck / auf X. und XX. Jahre hinaus beschehene gute Wünsche. Welcher Gebrauch von des Keysers Augusti Zeiten an seinen Ursprung genommen / und auf die nachfolgende Keyser gebracht und unterhalten worden; wovon uns Dion dieses berichtet: Keyser Augustus, spricht er / damit er die Römer von allem Argwohn / einiger ihme angemassten Königlichen Herrschafft/ desto mehr abhalten möchte/ hat er das

Regiment nur auf zehen Jahre übernommen: Und nach Verfliessung derselben sich von fünf zu fünf Jahren auf ein neues damit eingelassen. Solcher gestalt/ wann die zehn- jährige Regirung aus war/ setzte er dieselbige / bis an sein Ende / immer also fort. Um welcher Ursachen willen die nachfolgende Keyser / wiewol sie das Reich auf keine gewisse Zeit mehr / sondern auf immerdar angenommen / alle zehen Jahre ein besonder Fest / zu Erneuerung und Bestettigung dessen / gehalten haben.

Ferner so ist aus demjenigen Triumph-bogen so viel zu ersehen/wie vor erwähnt/ daß solcher aus unterschiedlichen Marmelsteinen / ungleicher Kunst und Arbeit / zusammen gesetzt worden: Darunter etliche Stucke herrlich und schön / andere dagegen sehr schlecht und grob ausgehauen sind. Die schönsten nun scheinen von irgend einem Denckmal Augusti oder Trajani entlehnt zu seyn: Dieweil aber solche Gebäue denen triumphirenden Siegshelden manchmal in höchster Eile aufgerichtet werden musten / und man sehr viel der gleichen künstliche Bildhauer darzu vonnöthen hatte; so solte vielleicht derjenige hierinnen nicht unrecht daran seyn / der dafür halten wolte/ daß zur selbigen Zeit theils gute / theils auch schlechte Meister zugleich daran gearbeitet haben.

Belangend dasjenige Bildnus / so mitten unter solchem Triumph-bogen / zu beeden Seiten stehet; so ist selbes des Trajani, und nicht Constantini Ebenbild; und sind eben diese beede / samt denen obern Tafeln und Bildern / die gefangenen Dacier betreffend / aus des Trajani Ehren-pforten

genommen; oder sonst von dieses Keysers Gebäuen auf dem Marck entlehnt: Denn so man diesen gantzen Triumph-bogen recht betrachtet / so ist solcher aus unterschiedlichen zerfallenen Gebäuen zusammen geflickt. Sintemal die Unglückseligkeit der Zeiten unterweilen so groß gewest / noch mehr aber wegen auskommenden Christenthums / als bey deme zugleich die Bildhauerey verbotten worden/ diese Kunst so plötzlich zu Grund gegangen / daß Rom / welche sonst aller künstlichen Bildhauer fast einige und vornehmste Werckstatt gewest / dazumal/ aus Mangel der Künstler / zu Ausfertigung dieses einigen Triumph-bogens / die vortrefflichsten und denckwürdigsten Gebäue Keysers Trajani einzureissen / und hierzu anzuwenden / gezwungen worden. 

[…Beschreibung der Spolien…]

All diejenige Triumphs- Zierathen nun gehörten dem Keyser Trajano zu / welche aus damaliger Unbedachtsamkeit zu des Constantini Triumph-bogen verwendet wurden. Im übrigen aber/

was die Siegs-zeichen / und Flüsse über den Bogen auf; wie auch die Haubtleute an den Seulen herab / anbetrifft / so gehen solche die Zeiten Constantini, und dessen Verrichtungen eigenthümlich an: Allwo nemlich Keyser Constantinus dem Volck das Geschenck hält / den Rath anredt / die Mauren mit Gewalt angreifft / kämpft/ und endlich obsieget.

So muste dann ein Held dem andern Hel-
den leihen /
und beeder Lob/ zugleich / die gantze Welt
ausschreyen!
Was machts? die Tugend siht der Tu-
gend ähnlich gleich;
durch die Gleichförmigkeit der Keyser
wuchs das Reich."

(TA 1679, I (Architektur), S. 76f.)

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