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Prof. Dr. Ute Verstegen

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Fundstück 2009-04: Rilkes Apoll 

Fundstück im April 2009: 'Archaischer Torso Apollos' von Rainer Maria Rilke 

 

Archaischer Torso Apollos

 

 

von Rainer Maria Rilke

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926) verfasste dieses in freier Sonettform aufgebaute Gedicht im Frühsommer 1908 in Paris. Erstmals veröffentlicht wurde es 1909 in dem Gedichtband "Der Neuen Gedichte anderer Teil" (Leipzig 1909), den Rilke dem damals noch lebenden Auguste Rodin (1840-1917) widmete, mit dem er befreundet war und mit dessen Oeuvre er sich intensiv auseinandersetzte. Der Text ist eines von Rilkes "Dinggedichten", die sich dem Wesen eines bestimmten Objekts nähern und dieses ausdrücken sollen. Gegenstand dieses Gedichts ist ein plastisches Kunstwerk, das im Titel benannt wird, ein Torso des Gottes Apoll. Die Gedichtinterpretationen sind uneins darüber, ob Rilke damit einen Torso eines antiken griechischen Marmorkouros meinte, wie es auch der Zusatz 'archaisch' einem archäologisch gebildeten Leser bzw. einer Leserin suggeriert, oder aber eine Plastik Rodins, der sich in seinem künstlerischen Schaffen sowohl mit der Gattung des Torso und dem Fragmentarischen, als auch mit Oberflächenbehandlung, Lichtreflexen und Dynamisierung von Skulptur besonders intensiv widmete - allesamt Aspekte, die in Rilkes Gedicht hervorgehoben werden. Claudie Judrin zieht in Erwägung, dass das Vorbild für Rodins Gedicht ein antiker Marmortorso in Rodins Sammlung gewesen sei.

Weiterführende Literatur:

Das Gedicht gibt es auch zum Anhören auf "Gesprochene Deutsche Lyrik": hier.