» Fundstück » Fundstück 2009-08: Jüdische Synagoge in Andriake?

Prof. Dr. Ute Verstegen

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
LS Christliche Archäologie
Kochstr. 6
D-91054 Erlangen

Raum: 2.013
Fon: +49(0)9131-8522778 (Sekretariat)

Kontakt Marburg:
Philipps-Universität Marburg
Christliche Archäologie
 und Byzantinische
 Kunstgeschichte

Biegenstr. 11
D-35037 Marburg

Raum: 2.006
Fon: +49(0)6421-2822347
+49(0)6421-2824180
E-Mail Kontaktformular

Sprechstunde:
n.V.

Fundstück 2009-08: Jüdische Synagoge in Andriake? 

Fundstück im August 2009: Entdeckung einer antiken Synagoge bei Demre 

In Andriake, dem Hafenort der antiken lykischen Stadt Myra (heute etwa 2,5 km westlich der türkischen Stadt Demre gelegen), wurden jüngst vermutlich Reste einer Synagoge ausgegraben. Der Ausgräber, Dr. Nevzat Çevik von der Akdeniz Universität, nimmt an, das Gebäude, welches in der Presse als "Jewish temple" bezeichnet wird, stamme etwa aus dem 3. Jahrhundert und sei nach einem Erlass von 212 errichtet worden, der Juden die römische Staatsbürgerschaft ermöglichte. Bei dem Fund handele es sich um die ersten bekannten jüdischen Relikte in Lykien. Die Funde umfassen laut Text eine Menorah (oder ist deren Darstellung gemeint, siehe Foto?) sowie andere Objekte mit jüdischen Symbolen.

Der Presseveröffentlichung ist ein Foto eines wohl marmornen Reliefs mit Darstellung einer Menorah und weiteren jüdischen Symbolen (wohl Schofar, Etrog und Lulaw) beigegeben, bei dem es sich um eine Wandverkleidungs-, Brüstungs- oder Schrankenplatte gehandelt haben könnte. Entsprechende Platten sind aus spätantik-byzantinischer Zeit zahlreich von Altarraumabschrankungen oder Brüstungen aus Kirchen bekannt, und auch in Synagogen, v.a. im heutigen Israel, nachgewiesen. Statt der in Kirchenräumen gebräuchlichen christlichen Symbole wie dem Christusmonogramm schmückten in den Synagogen jüdische Symbole die Reliefs. Eine flüchtige Ansicht der abgebildeten Platte weist aufgrund ihrer Profilformen wahrscheinlich eher in spätantik-frühbyzantinische Zeit als in das vom Ausgräber vermutete 3. Jahrhundert, was aber nicht eine spätere Innenraumausstattung eines älteren Baus ausschließt. Genauere Hinweise zu Befunden und Fundumständen bleiben abzuwarten.

Reliefplatte aus Andriake 

Reliefplatte aus der Synagoge von Rehov (Israel)   Reliefplatte aus der Synagoge von Priene (Türkei)

Andriake war in der Antike einer der bedeutenden Hafenorte an der kleinasiatischen Küste und lag an einer wichtigen Schiffahrtsroute. Wahrscheinlich musste der Apostel Paulus hier im Herbst 59 auf seiner Reise nach Rom das Schiff wechseln und günstigere Winde abwarten, wie es die Apostelgeschichte nahelegt (Apg 27, 4-6): "Und von da stießen wir ab und schifften unter Zypern hin, darum daß uns die Winde entgegen waren,und schifften durch das Meer bei Zilizien und Pamphylien und kamen gen Myra in Lyzien. Und daselbst fand der Unterhauptmann ein Schiff von Alexandrien, das schiffte nach Italien, und ließ uns darauf übersteigen."

In der römischen Kaiserzeit war Andriake einer der wichtigsten Häfen für die Getreidelieferungen aus Ägypten nach Rom, seit dem 4. Jahrhundert zunehmend auch nach Konstantinopel. Einen ersten Aufschwung erlebte die Stadt in der mittleren Kaiserzeit, als die heute verlandeten Hafenanlagen intensiv ausgebaut wurden. Im 6. Jahrhundert prosperierte die Stadt erneut, was sich an der Errichtung von sechs großen Kirchen und zwei Badeanlagen sowie zahlreichen weiteren Bauten ablesen lässt. Vielleicht ist der Bau oder die Ausstattung der Synagoge in diese Zeit zu setzen. Bekannt ist Myra v.a. als Bischofssitz des dort in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts amtierenden Nikolaus von Myra, dem in der katholischen und orthodoxen Kirche verehrten heiligen Nikolaus.

Jüdische Diasporagemeinden in Kleinasien sind durch Schriftquellen, Inschriften und vereinzelte Bildwerke mit jüdischen Symboln zuverlässig belegt. Gesicherte archäologische Nachweise für Synagogenbauten sind bislang aus Priene und Sardis bekannt, die vermutlich beide in die Spätantike zu datieren sind. Der bekannteste Bau ist die ehemals reich ausgestattete Synagoge von Sardis in Lydien, die in einen Raum einer älteren Badeanlage eingebaut wurde. Ihre Datierung wird meist in das 3. oder 4. Jahrhundert gesetzt, jüngere Untersuchungen schlagen aufgrund einer genauen Analyse der Münzfunde aber eine spätere Datierung in das 5./6. Jahrhundert vor. Das verhältnismäßig monumentale Bauwerk und seine prächtige Ausstattung sowie sein umfangreicher Inschriftenbestand werfen ein wichtiges Schlaglicht auf die Zusammensetzung und Position jüdischer Gemeinden in Kleinasien während der Spätantike. In Priene wurde ein kleineres Privathaus zu einem nicht genauer bestimmten Zeitpunkt, etwa im 4. oder 5. Jahrhundert, in eine Synagoge umfunktioniert. Der Bau ist durch eine Torahnische in der Ostmauer und zwei Relieffunde mit jüdischen Symbolen (Menorah mit Etrog und Schofar, Menorah flankiert von Pfauen) als Synagoge anzusprechen, hat aber mit einer Raumgröße von 10 x 14 m nur bescheidene Ausmaße. Auch in Milet wurde ein Gebäude freigelegt, das der damalige Ausgräber Armin von Gerkan aufgrund von Grundrissvergleichen als Synagoge interpretierte. Diese Deutung wird in der Forschung wegen zu geringer Indizien mittlerweile mehrheitlich angezweifelt, während einige Forscher die Deutung weiterhin für glaubwürdig halten. Schließlich existiert in Mopsuestia in Kilikien ein Bau mit Fußbodenmosaiken des 5. Jahrhunderts, die Darstellungen der alttestamentlichen Themenkreise um Noah und Samson zeigen. Dieses Gebäude wurde vom Ausgräber Ludwig Budde als Kirche, von israelischen Wissenschaftlern (Avi-Yonah) aber als Synagoge interpretiert.

Literatur und Links: