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Prof. Dr. Ute Verstegen

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
LS Christliche Archäologie
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n.V.

Regensburg, 17.3.2007 

Vortrag beim XXIX. Deutscher Kunsthistorikertag 

Vom Mehrwert digitaler Simulationen dreidimensionaler Bauten und Objekte in der architekturgeschichtlichen Forschung und Lehre


Vortrag beim XXIX. Deutscher Kunsthistorikertag in der Sektion "Neue Technologien in der Architekturforschung"

Zeit: Samstag, 17. März 2007, 17.30 – 18.00 Uhr
Ort: Universität Regensburg,
Hörsaal H 3

Weitere Informationen: http://www.kunsthistorikertag.de/

Nachtrag: Das ausgearbeitete Vortragsskript ist seit 01.04.2008 verfügbar über ART-Dok unter:  http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2008/473/


Abstract

Ziel des Vortrags: Der Vortrag zeigt den didaktischen Mehrwert auf, der durch den Einsatz digitaler Medien in der architekturgeschichtlichen Lehre gegenüber herkömmlichen Präsentationsformen erreicht werden kann. Anhand von Fallbeispielen werden verschiedene Formen der digitalen Simulation architektonischer Räume vorgeführt und deren Einbindungsmöglichkeiten in Vortrags- und Lehrsituationen erläutert. Abschließend wird darauf verwiesen, welche Konsequenzen diese Entwicklungen hinsichtlich wissenschaftlicher Fragestellungen mit sich bringen.

Durch die Hörsaalausstattung mit Beamer und Internetanschluss sowie die stetige Progression der Rechner- und Netzleistungen ist in den letzten Jahren ein Potential entstanden, das zur innovativen Veranschaulichung von Forschungsgegenständen in der Lehre genutzt werden kann. Über die einfache digitale Bildpräsentation hinaus, bei der die Diadoppelprojektion gewissermaßen ins Digitale transformiert wird, liegen die neuen Möglichkeiten vor allem in der integrierten Bewegtbildwiedergabe sowie in interaktiven Anwendungen. Dies betrifft zum einen die digitale Wiedergabe von Filmen und Animationen, die ohne Wechsel des Wiedergabegeräts und damit ohne sog. „Medienbrüche“ in die Präsentation eingebunden werden können, zum anderen die digitale Repräsentation dreidimensionaler Bauten und Objekte.

So ist es heute bei entsprechender Technikkenntnis möglich, in einem Beamervortrag gleichzeitig eine Bildfolge oder sogar eine Filmsequenz abzuspielen, die in einem Gebäude aufgenommen wurde, und daneben einen Grundriss stehen zu lassen, in dem die jeweiligen Aufnahmeperspektiven eingetragen sind.

Sowohl im Internet als auch in CD- bzw. DVD-Publikationen finden sich des weiteren digitale Repräsentationen dreidimensionaler Architekturen und Objekte, die einen nicht mehr existenten oder fiktiven Zustand virtuell rekonstruieren oder auch einen zwar erhaltenen, aber entfernten Ort simulieren. Im Gegensatz zur linearen Struktur von Filmen bieten diese Rekonstruktionen insbesondere die Möglichkeit zur Interaktion. Mit heutigen Technologien lassen sich beispielsweise Panoramen erstellen, die den Eindruck eines dreidimensionalen Raums simulieren und in denen man sich interaktiv bewegen kann. Virtuelle Objekte können nach allen Seiten gedreht werden. Beide Formen lassen sich ebenfalls in eine digitale Präsentation integrieren.

Die Panoramen beruhen üblicherweise auf Fotografien realer Räume oder Plätze vor Ort, die mittels Computerprogramm zusammengesetzt werden. Von einem fixen zentralen Standpunkt aus kann der Betrachter den Blick rundum schweifen lassen, häufig auch nach oben und unten blicken und in das Panorama hineinzoomen. Auf diese Weise entsteht die Illusion einer virtuellen Präsenz am repräsentierten Ort. Während schon am Computermonitor durch die Möglichkeit der Bewegungssimulation ein verblüffend realistischer Raumeindruck entsteht, wird dieser durch die Projektionsgröße im Hörsaal noch gesteigert.

Gegenüber vielen virtuellen 3D-Modell-Rekonstruktionen haben diese Panoramen die Eigenschaft, dem Betrachter eine stärkere Ortspräsenz vorzutäuschen. Dies beruht zum einen auf der ‚realistischeren’ Wiedergabe von Materialoberflächen und Beleuchtung, zum anderen auf dem möglichen Vorhandensein anderer Personen im Bild, wie sie in technische Modellrekonstruktionen zu wissenschaftlichen Zwecken – anders als bei Computerspielen - üblicherweise nicht integriert werden. Der zumindest im wissenschaftlichen Bereich - so meine These – bewusste Verzicht auf Personen innerhalb der Modelle, lehnt sich damit an den traditionellen, stark abstrahierten Kanon von Architekturdarstellungen an, der Menschen bestenfalls als vereinzelte Maßstabsgeber zeichnerisch aufnimmt.

Grundriss, Aufriss, Schnitt und Axonometrie haben sich in der Neuzeit nicht nur als Kanon der Architekturdarstellung im Entwurfsprozess herausgebildet, sondern sind neben der fotografischen Erfassung eines Gebäudes gleichermaßen auch die Grundlage für die Dokumentation und Analyse historischer Bauwerke. In der kunsthistorischen Forschung und Lehre bilden sie daher die traditionellen bildlichen Schemata für die Darstellung historischer Bauten in Publikationen und Vorträgen. Sie entsprechen in ihrer Zweidimensionalität und Unbewegtheit insbesondere den medienimmanenten Anforderungen einer Textpublikation, können also gut als textergänzende Abbildungen auf Papier gedruckt werden.

Diesem Darstellungskanon sind allerdings zwei Prämissen inhärent: erstens dass sich dreidimensionale Räume über das Hilfsmittel der Projektion als zweidimensionale Flächen abstrahieren lassen und zweitens dass ein architektonischer Raum mit einem Objekt und seinen begrenzenden Flächen identifiziert werden kann. Ein solcher Raumbegriff gerät in der jüngeren Forschung jedoch zunehmend in die Diskussion, wenn nicht ins Wanken. Erwähnt sei nur das relationale Raummodell von Martina Löw, die Raum als „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten“ definiert (Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt a.M. 2001, S. 271). Räume besitzen nach Löws Definition sowohl strukturelle Dimensionen als auch Handlungsdimensionen und werden durch Verknüpfungen zwischen ihren Bestandteilen konstruiert.

Auf architekturgeschichtliche Fragen angewandt besteht ein frühchristlicher Kirchenraum demnach weniger aus mehreren, basilikal angeordneten Schiffen und an der Schmalseite des Raumes angefügter Apsis, sondern ist vielmehr unter dem Aspekt zu betrachten, wie einzelne Bestandteile, Ausstattungsgegenstände und Kompartimente im liturgischen Vollzug durch die handelnden Personen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Eine architekturgeschichtliche Forschung, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzen will, besitzt mit den digitalen Medien heute erstmals angemessene Visualisierungs- und durch das Potential interaktiver Elemente auch Verifizierungsmöglichkeiten für ihre Thesen. Es ist zu erwarten, dass sich diese visuellen Darstellungsmöglichkeiten auch auf das Publikationswesen wissenschaftlicher Information auswirken werden. Bislang lassen sie sich in das Vortrags-, nicht aber in das gängige Publikationswesen integrieren.

 

Linkliste der gezeigten Projekte

Masterstudiengang Architekturvermittlung an der BTU Cottbus
http://www.architektur-vermittlung.de

 

Aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Wolkenkuckucksheim" vom Februar 2007 zum Thema "Die Zukunft der Architekturvermittlung"
http://www.cloud-cuckoo.net/

Fullscreen Quicktime VR Panoramen des dänischen Fotografen Hans Nyberg, z.B. von S. Maria Maggiore in Rom
http://www.panoramas.dk

Zusammenstellung von Quicktime VR Panoramen für die architekturgeschichtliche Lehre (Projekt "Real ? Virtual" der Columbia University)
http://www.mcah.columbia.edu/ha/

Santa Maria Maggiore Project des Cultural VR Lab der UCLA (Virtuelle Rekonstruktion)
http://www.cvrlab.org/humnet/index.html

Virtuelle Rekonstruktion der karolingischen Aula Regia der Kaiserpfalz in Ingelheim mit Rekonstruktionsvarianten
http://www.archimedix.com/ingelheim/
http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de/archaeologie_rekonstruktion_01.php
http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de/archaeologie_rekonstruktion_02.php

Quicktime VR Objekte am Beispiel einer spätrömischen Fibel des Musée Carnavalet in Paris
http://www.paris.culture.fr/

prometheus-Lernelement "Themenraum Altenstadt"


Schrägluftaufnahmen von Microsoft Virtual Earth (bspw. Caracalla-Thermen in Rom)
http://local.live.com/

3D-Laserscan der Domitilla-Katakombe in Rom, Projekt "Die Domitilla-Katakombe in Rom. Archäologie, Architektur und Kunstgeschichte einer spätantiken Nekropole" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Leitung: Norbert Zimmermann)
http://www.oeaw.ac.at/antike/institut/arbeitsgruppen/christen/domitilla.html

CAA-Konferenz Berlin im April 2007 zum Thema "Layers of Perception. Advanced technological means to illuminate our past"
http://www.caa2007.de/
VGWVP1